Der Wandel der Zeit

Aus welcher Himmelsrichtung der erwartungsfrohe Besucher auch kommen mag, zuerst erblickt er Rauenthal geruhsam zwischen den nahen Berglehnen sitzen, gleichsam wie eine “Weinkönigin” auf hohem Throne; dahinter der Teppich aus dunkelgrünen Wäldern und darüber der weite, sonnige Himmel, der dem Rheingau eigen ist. Der fünfspitzige Kirchturm über den grauen und roten Dächern ist von überall her das Wahrzeichen. Er steht unübersehbar da, ob man vom Rhein her über die Martinsthaler Straße heraufkommt, ob man von Georgenborn oder vom Waldrand an der Grünen Bank auf Rauenthal herunterschaut, oder ob man schließlich aus den entfernten Lichtungen des Kiedricher Waldes quer über mehrere Täler hinweg den fünfspitzigen Kirchturm im abendlichen Widerschein entdeckt.

Der natürliche Lebensraum der Rauenthaler war und ist härter, als wir heutigen Zeitgenossen bei einem Besuch der Straußwirtschaften uns klar machen. Die Vorbedingungen des bergigen Geländes, die schnell wechselden Unterschiede der guten und ertragsarmen Böden und die auch heute noch zeitraubende Arbeitswege zu den steilen Weinbergen haben eh und je nur ein kärgliches Auskommen für mehr als die Hälfte aller Rauenthaler Familien gestattet - ganz im Gegensatz zu den Wintern im eigentlichen Rheingau. Nur wenige Winzerfamilien haben es hier oben unter mühseligen Bedingungen zu Wohlstand bringen können und  ihn nur dann zu halten vermochten, wenn nicht der übliche Erbanspruch der Geschwister seit dem Rheingauer Landbrauch von 1643 alle aufgewandte Mühe unnütz machte; altes Recht verlangte “zu gleichen Theilen in die Häupter”.

 Diese jahrhundertelangen, geradezu schicksalhaften Lebensbedingungen in den Rauenthaler Bauern- und Winzerfamilien sind mit unserem heutigen Lebensstil überhaupt nicht in Vergleich zu setzen. Die früher nicht gekannte Beweglichkeit und Freizügigkeit des Einzelnen haben das Antlitz des abseits gelegenen, alten Rauenthals so grundsätzlich geändert, daß ein vor zwei Generationen ausgewanderter Rauenthaler sein Heimatdorf kaum wiedererkannte! Wo man früher den Häuser und Höfen die Armut ansah, die in schlechten Weinjahren unerbittlichhart wurde, weil die geringe Möglichkeit zum Nebenverdienst im Sommer und im Winter meist nur das tägliche Brot brachte, dort steht heute nicht selten auf dem von den Eltern überkommenen Grund und Boden das eigene Häuschen im schmucken Vorgarten. Der selbstgewählte fast immer außerhalb Rauenthals gelegene Arbeitsplatz schafft erst heute ausreichend Verdienst. Er sichert die junge Generation vor jenen erbarmungslosen Schicksalsschlägen, denen noch die an den Ort gebundenen Großeltern ausgeliefert waren.

Siegfried Lehmann, Rauenthal Chronik eines Rheingauer Weinbaudorfs 1225-1975 , Wilhelm Schmitz Verlag in Gießen 1976