Der einladende Berg

Rauenthal liegt mitten zwischen seinen Feldern in dem kleinen Sattel an der allerengsten Stelle des etwa vier Kilometer langen Bergspornes, der unterhalb des Hansenkopfes ansetzt, in kleinen Stufen weit nach Süden ausgreift und bei den Weinbergen am “Rauenthaler Berg” endet. Die Felder Rauenthals, einstmals ein unerläßlicher Teil der Eigenversorgung, beginnen im Norden am oberen Waldrand in ungefähr 300 Meter Meereshöhe, also 200 Meter höher als das Rheintal. Sie reichen im Süden bis zu dem rundum offen daliegenden Äckern an der Bubenhäuser Höhe. Die überaus schmale, lange Verebnung hat eine scharfkantige Begrenzung, die sowohl zum Walluftal im Osten wie zum Buchwaldgraben im Westen unvermittelt mit einer Hangneigung von oft mehr als 40° bis auf die 80 Meter tiefere Talsohle abbricht.Was für die auf der Sonnenseite liegenden Weinberge, Kleingäten und Wochenendgrundstück günstigen Einfluß hat, das macht den Bauern die Nutzung der vielen durch das Erbrecht zerstückelten, kaum 100 bis höchstens 250 Meter langen, aber recht schmalen Äcker dort oben  mühsam und durchwegs unrentabel; sie liegen heute fast ausnahmslos als sogennante “Sozialbrache” ungenutzt da.

Der Bergwald auf der “Höhe” ist von ausschlaggebender Bedeutung für den Rheingau insgesamt wie für Rauenthal ganz besonders. Die Ränder dieses Berwaldes hoher, alter Buchen und Fichten sind mit einem Mantel aus Buschwerk, Eschen, Vogelbeerbäumen, Holunder, Faulbaum, Linguster, Schneeball als Wind- und Kälteschutz bepflanzt. Die ehemals 50 Meter dichte Landwehr des nachmittelalterlichen Rheingaues aus Heinbuchen, Brombeer- und Wildrosengestrüpp, das berühmte “Gebück”, ist an diesem klimatisch wie strategisch gleich wichtigen Waldrand verschwunden. Man hatte es schon 1747 für 400 Goldgulden verkauft, so daß nur noch vereinzelte, verknorrte Exemplare daran erinnern.

Siegfried Lehmann, Rauenthal Chronik eines Rheingauer Weinbaudorfs 1225-1975 , Wilhelm Schmitz Verlag in Gießen 1976